Folge 3 von 3. Register, Typreferenten und 50 Jahre Wissen auf der einen Seite, Reichweite, Rhythmus und Sprache auf der anderen. Wie eine Brücke aussieht, und wer sie schon baut
Patinamore-Redaktion · 19.09.2026 · aktualisiert 19.09.2026
Was diese Folge zeigt
- Die Clubs haben, was man nicht googeln kann: Fahrzeugregister, Typreferenten, Teilequellen für Marken, bei denen der Markt versagt, und den Weg zum Gutachten. Der Dachverband ist 50 Jahre alt und hat 1997 das H-Kennzeichen mitgeprägt.
- Die Kanäle haben, was die Clubs nicht bauen können: einen Rhythmus, eine Sprache, ein Bild. 96 Prozent der Clubs sind auf Facebook, 18 Prozent auf Instagram, 12 Prozent auf YouTube. Wachsende Clubs nutzen soziale Medien häufiger als schrumpfende.
- Beiden fehlt der andere: Dem Kanal die Teilenummer, dem Club der Zuschauer. Ein SL-Club hat seinen Anteil unter 30 seit 2021 verdreifacht, ein Rollerclub verleiht seit 2012 Heinkel an Junge, eine Messe lässt den Nachwuchs seine Fläche selbst gestalten.
- Die Brücke ist keine Idee, sie hat 4 Bauteile: den Typreferenten vor der Kamera, den Schraubertag mit Livestream, das Register, das offen ist, und das Treffen, das abends stattfindet.
Der Vorstand eines Käferclubs weiß, welches Bodenblech in welches Baujahr passt. Der Schrauber vor der Kamera weiß, wie man 100.000 Leuten zeigt, dass man es selbst einschweißt. Beide brauchen einander, und beide wissen es nicht, weil sie sich nicht begegnen. Diese Folge legt nebeneinander, was die Clubs haben und was die Kanäle haben, und beschreibt die Brücke, an der schon gebaut wird.
Das haben die Clubs: 50 Jahre, die man nicht googeln kann
Der DEUVET feiert 2026 sein 50. Jahr. Er ist beim Bundestag akkreditiert, sitzt seit 2009 im Parlamentskreis Automobiles Kulturgut und in Brüssel in der Historic Vehicle Group, und er hat nach eigener Darstellung 1997 das H-Kennzeichen mitbestimmt. Das ist die Ebene, auf der über Kraftstoffe, Stoffverbote und die Kriterien für das H-Kennzeichen entschieden wird; der Verband schreibt, eine Verschärfung dieser Kriterien würde „vorrangig das Einstiegssegment und den Nachwuchs der Oldtimerszene treffen“. Kein Kanal sitzt an diesem Tisch.
Darunter liegt das, was die einzelnen Clubs seit den 70ern angesammelt haben: Fahrzeugregister mit Fahrgestellnummern, Typreferenten, Teilelager, Kontakte zu Prüfern. Die Classic-Studie 2025 stellt fest, dass Mercedes und Porsche ihre Klassiker solide versorgen, „bei Opel, Ford und den frühen Japanern“ aber „oft Mangel“ herrscht. Das sind genau die Autos, die in Dortmund im Museum stehen und in Bremen live geschraubt werden. Wer für einen Kadett B ein Blech sucht, findet es nicht bei Mercedes-Benz Classic, sondern bei jemandem, der seit 30 Jahren Kadett fährt. Und noch etwas geht verloren, wenn die Clubs altern: Joachim Syha vom Kfz-Gewerbe warnte im Juni 2025 im Parlamentskreis, mit dem Ausscheiden der Babyboomer gehe Wissen verloren: „Was in den kommenden Jahren nicht bewahrt werden kann, droht für immer verloren zu gehen.“
Das haben die Kanäle: einen Rhythmus, eine Sprache, ein Bild
Ein Museum in Dortmund veröffentlicht dienstags, donnerstags, freitags und sonntags um 12 Uhr ein Video und zieht mit einem Renntag über 3.000 Menschen an. Ein Textillabel aus Brandenburg zeigt jeden Mittwoch einen Menschen und sein Auto. Ein Schrauber lädt donnerstags um 17 Uhr hoch. Die Zuschauer wissen, wann. Das ist der Rhythmus, den ein Clubheft mit 4 Ausgaben im Jahr nicht hat.
Die FIVA hat 2020 auch die Clubs gefragt, 1.735 in Europa, 239 davon aus Deutschland. 96 Prozent sind auf Facebook, 26 Prozent auf WhatsApp, 18 Prozent auf Instagram, 12 Prozent auf YouTube. Wachsende Clubs nutzen soziale Medien zu 68 Prozent, schrumpfende zu 54. 42 Prozent finden schwer Ehrenamtliche. Der DEUVET selbst hat seine Kanäle erst im November 2025 auf Instagram, Facebook, LinkedIn und WhatsApp erweitert, mit der Begründung, die Mediennutzung verändere sich „in immer kürzeren Zeiträumen“. Ein Versicherer, der die Szene seit Jahren beobachtet, nennt das ein „Kommunikationsproblem“: Ältere lesen Clubzeitschriften, Jüngere vernetzen sich über Social Media und fühlen sich von alten Formaten sprachlich nicht angesprochen.
Und die Sprache ist mehr als der Kanal. Ein Kanal sagt „Projekt“, „Low Budget“, „Anschaffung billig, Unterhalt Wucher“. Ein Club sagt „Restaurierungsbericht“, „Typenreferat“, „Jahreshauptversammlung“. Beide meinen dasselbe Auto.
Die Clubs
- Wissen
- Register, Typreferenten, Teilequellen, der Weg zum Gutachten
- Reichweite
- Das Clubheft, der Stammtisch, die Facebook-Seite
- Rhythmus
- Jahreshauptversammlung, Jahrestreffen, 4 Hefte
- Ort
- Vereinsheim, Parkplatz am Vormittag
- Sprache
- Restaurierungsbericht, Typenreferat, Zustandsnote
- Nachwuchs
- Im Schnitt 55 Jahre, 21 Prozent mit Angeboten für Jüngere
- Was fehlt
- Der Zuschauer
Die Kanäle
- Wissen
- Der eigene Aufbau, die eigenen Fehler, die eigene Rechnung
- Reichweite
- Ein Video die Woche für 100.000 Zuschauer, ein Renntag für 3.000 Menschen
- Rhythmus
- Mittwoch, Donnerstag 17 Uhr, Samstag 10 bis 15 Uhr
- Ort
- Halle, Rennbahn, Museumspark, ab 21 Uhr
- Sprache
- Projekt, Low Budget, Realtalk
- Nachwuchs
- Jahrgang 1996 kauft eine Halle, ein 16-Jähriger trägt Zeitungen aus
- Was fehlt
- Die Teilenummer
Die etablierte Seite baut schon, nur leise
Zwischen Club und Kanal stehen die Verlage, und sie stehen nicht still. Die Motor Presse Stuttgart betreibt seit Juni 2021 den YouTube-Kanal Garagengold, mit Sammlerporträts, Rallye-Reportagen und einer Serie über einen jungen Restaurator; im September 2026 fragte eine Folge, „welche Modelle eignen sich heute wirklich für Einsteiger“. Oldtimer Markt aus Mainz, seit 1980 am Kiosk, 61.356 verkaufte Exemplare im 2. Quartal 2026, führt einen wöchentlichen Youngtimer-Podcast namens Future Classics, ist Medienpartner der Nachwuchsfläche in Bremen, veröffentlicht einen Technikkurs auf YouTube, dessen Folge über Karosseriezinn 170.000 Mal gesehen wurde, und bringt am 24. September 2026 ein Sonderheft „Schrauben für Einsteiger“. Das ist Fachwissen im Format der Kanäle. Es erreicht nur ein anderes Publikum, und der Grund ist selten der Inhalt: Es fehlt oft der Mensch vor dem Auto, der im Mittwochskino immer da ist.
Die Brücke hat 4 Bauteile
Der Typreferent vor der Kamera. Der Schrauber, der seinen Käfer selbst schweißt, hat 100.000 Zuschauer und keine Teilenummer. Der Club hat die Teilenummer und keine Zuschauer. Ein Video, in dem der Typreferent des Clubs in der Halle des Schraubers steht und sagt, welches Blech in welches Baujahr passt, gibt beiden, was fehlt. Das Format gibt es schon: Eine Halle in Dortmund führt samstags Interviews mit Besuchern und ihren Autos.
Der Schraubertag mit Livestream. Die Clubs, die wachsen, haben ihre Termine auf die Straße verlegt. Der nächste Schritt ist die Kamera: ein Schraubertag in der Vereinshalle, bei dem ein Kanal mitfilmt. Die Bremen Classic Motorshow macht es seit 2024 vor, mit einer Fläche, die junge Besitzer selbst gestalten, Live-Schrauben an W124, Golf 2 und Citroën Visa, und einem Projektleiter, der sagt: „Wir wollen nicht über, sondern mit dem Klassiker-Nachwuchs sprechen.“ Ein Goliath-Experte auf derselben Messe: „Wir müssen unser Fachwissen weitergeben an junge Leute.“
Das Register, das offen ist. Ein Fahrzeugregister, das nur Mitglieder sehen, schützt Wissen vor denen, die es brauchen. Der Mercedes-Benz R/C 107 SL-Club hat einen anderen Weg gewählt: 2021 war 1 Prozent seiner 5.400 Mitglieder unter 30; der Club kaufte einen 560 SL von 1988 und verlost ihn seither monatlich an Mitglieder unter 30, bis 2025 hat sich der Anteil verdreifacht, und die FIVA hat das 2025 mit ihrem Culture Award ausgezeichnet. Der Heinkel-Club verleiht seit 2012 Roller bis zu 2 Jahre kostenlos an Junge, unter 21 beitragsfrei. In Österreich bringt das Projekt StarterMotor jedes Jahr 200 bis 300 junge Menschen an Berufsschulen mit Clubs zusammen, ebenfalls mit einem FIVA-Preis 2025.
Das Treffen, das abends stattfindet. Der HEIZR Club in Stuttgart begann 2021 mit 6 Fahrzeugen in einem Parkhaus und hat heute bis zu 500 Fahrzeuge und 3.000 Besucher je Event, „ohne die üblichen Clubzwänge“. Das Innere Blumenpflücken läuft bis 3 Uhr morgens. Ein Club, der sein Jahrestreffen um 10 Uhr auf einem Parkplatz beginnt und um 14 Uhr beendet, hat einen Termin für seine Mitglieder. Ein Club, der ein Treffen abends mit Licht und Musik veranstaltet, hat einen Termin für die Szene. Die Autos sind dieselben.
Ekkehard Pott, Präsident des DEUVET, im Juli 2026: „Der größte Feind der historischen Mobilität ist das Festhalten am Bekannten.“ Der Satz gilt in beide Richtungen.
Was beiden fehlt, ist der andere
Der Nachwuchs ist nicht das Problem der Szene, er ist ihre Lösung. Er sitzt nur nicht im Verein. Ein Verband, der das Problem beim Namen nennt, einen Verein für junge Talente gründet und seine Kanäle erweitert, hat den ersten Schritt getan. Die Kanäle, die jede Woche zeigen, was ein altes Auto kostet und warum es trotzdem jemand fährt, haben den zweiten getan, ohne es zu wissen. Was fehlt, ist die Begegnung: der Typreferent in der Halle, der Kanal im Vereinsheim, das Register auf dem Tisch, das Treffen nach Einbruch der Dunkelheit.
Wer einen Club führt: Der Schrauber, der eure Teilenummer braucht, hat einen Kanal. Wer einen Kanal hat: Der Mann, der euer Blech kennt, hat einen Club. Ruft an. Beide nehmen ab.
Die Serie
- 1/3: Nachwuchs im Netz
- 2/3: Projekt statt Pflege
- 3/3: Clubs und Kanäle
Wer einen Club gründen oder öffnen will: Einen Oldtimer-Club gründen und Warum den Clubs der Nachwuchs fehlt.
Quellen
- car-editors.org: Oldtimer-Szene im Umbruch, Interview mit DEUVET-Präsident Ekkehard Pott, 4. Juli 2026
- DEUVET: Verein für die Nachwuchsförderung gegründet, 3. Februar 2026
- kfz-betrieb: DEUVET, Verein für Nachwuchsförderung gegründet, 4. Februar 2026
- DEUVET: Erweiterte Informationskanäle in den sozialen Medien, 25. November 2025
- FIVA: Socio-Economic Survey 2020/21, Fact File Europe
- ADAC Korporativclubs: Jugend- und Nachwuchsprojekte
- FIVA: Culture Awards 2025
- OCC: Oldtimer-Szene, wo bleibt die Jugend?, 8. Februar 2024
- OCC: Oldtimerszene vor Generationenwechsel, Marktausblick 2025, 13. Februar 2025
- OCC: Oldtimerstudie 2025, 11. September 2025
- MVC Oldtimer-Ticker: Protokoll Parlamentskreis Automobiles Kulturgut, 6. Juni 2025
- Classic Motorshow Bremen: Wo der Klassiker-Nachwuchs ein Zuhause findet, 30. Dezember 2025
- MVC Oldtimer-Ticker: Wo der Klassiker-Nachwuchs ein Zuhause findet
- Auto Bild Klassik: Bremen Classic Motorshow, Initiative Klassiker-Nachwuchs, 8. Februar 2026
- auto motor und sport: Garagengold, der YouTube-Kanal, 1. Juli 2021
- Oldtimer Markt: Mediadaten und Sonderhefte
- Wikipedia: Oldtimer Markt
- Oldtimer Markt: Future Classics, der Youngtimer-Podcast
- Halle 77: Old- und Youngtimermuseum Dortmund
- Porsche Fahrer: HEIZR Club, junge Community, 17. Februar 2026
- ÖMVV: Jugendprojekt StarterMotor
Was Leser zu „Wer den Klassikern die Nachfolger bringt, 3/3: Clubs und Kanäle“ fragen
Was haben die Clubs, was die Kanäle des Nachwuchses nicht haben?
Das Wissen, das in keinem Video steckt, weil es 40 Jahre gebraucht hat. Fahrzeugregister mit Fahrgestellnummern, Typreferenten, die den Unterschied zwischen 2 Baujahren an einer Schraube erkennen, Teilequellen für Opel, Ford und frühe Japaner, bei denen die Classic-Studie 2025 „oft Mangel“ feststellt, und den Weg zum H-Gutachten. Der DEUVET hat nach eigener Darstellung 1997 das H-Kennzeichen mitbestimmt. Ein Kanal, der seinen Käfer selbst schweißt, braucht genau das: die Nummer des richtigen Blechs.
Was haben die Kanäle, was die Clubs nicht haben?
Reichweite, Rhythmus, Sprache, Bild. Ein Museum in Dortmund veröffentlicht 4 Videos die Woche und zieht mit einem Renntag über 3.000 Menschen an. Von den europäischen Clubs sind 96 Prozent auf Facebook, aber nur 18 Prozent auf Instagram und 12 Prozent auf YouTube, und wachsende Clubs nutzen soziale Medien zu 68 Prozent, schrumpfende zu 54. Ein Versicherer nennt das „Kommunikationsproblem“: Ältere lesen Clubzeitschriften, Jüngere vernetzen sich über Social Media und fühlen sich von alten Formaten sprachlich nicht angesprochen.
Gibt es Clubs, bei denen die Brücke schon steht?
Ja, und sie sind unterschiedlich groß. Der Mercedes-Benz R/C 107 SL-Club hatte 2021 nur 1 Prozent seiner 5.400 Mitglieder unter 30, kaufte einen 560 SL und verlost ihn monatlich an Mitglieder unter 30; bis 2025 hat sich der Anteil verdreifacht, die FIVA zeichnete das 2025 aus. Der Heinkel-Club verleiht seit 2012 Roller bis zu 2 Jahre kostenlos an Junge, unter 21 beitragsfrei. In Österreich bringt das Projekt StarterMotor 200 bis 300 junge Menschen im Jahr an Berufsschulen mit Clubs zusammen. Und der DEUVET hat 2026 einen Verein gegründet, der Projekte in Clubs und Schrauberinitiativen fördern soll.
Was zu „Wer den Klassikern die Nachfolger bringt, 3/3: Clubs und Kanäle“ noch lesenswert ist
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