Patinamore-Herz, das Zeichen der MarkePATINAMORE
Szene

Wer den Klassikern die Nachfolger bringt, 1/3: Nachwuchs im Netz

Folge 1 von 3. Der Verband nennt das Nachwuchsproblem selbst beim Namen. Der Nachwuchs ist da, er sitzt nur nicht im Verein, sondern auf YouTube und Instagram. Er nennt es nicht Oldtimerpflege, sondern Projekt

· 19.09.2026 · aktualisiert 19.09.2026

Was diese Folge zeigt

Am 5. August 2026 stellt ein Textillabel aus Brandenburg ein Video ins Netz. 20 Minuten über einen Mann und seinen Audi 80 B2 von 1985. Die Beschreibung darunter beginnt so: „Gordon aus der Lüneburger Heide fährt keinen perfekten Showcar-Audi. Und genau das macht ihn so besonders. Sein Audi 80 B2 Baujahr 1985 erzählt eine Geschichte.“ 3 Besitzer in 41 Jahren, eine ehemalige Försterkarosse, Patina statt Vollrestaurierung, ein Umbau im Stil der 90er. 24.000 Menschen haben das Video in 6 Wochen gesehen. In diesen 3 Sätzen steckt die Verschiebung, um die es in dieser Serie geht: was ein Klassiker heute ist, wer ihn fährt, und warum die einen die anderen kaum sehen.

Der Verband nennt das Problem selbst beim Namen

Der DEUVET wurde 1976 auf der Veterama in Mannheim gegründet, als Dachverband der Veteranen- und Markenclubs. 2019 gab er sich einen neuen Namen, Bundesverband Oldtimer-Youngtimer, ausdrücklich, um neue Interessenten für die historische Szene zu gewinnen. Im Februar 2026, auf der Bremen Classic Motorshow, gründete er den Verein „JUNGE Talente für ALTE Fahrzeuge“, 10 Gründungsmitglieder, um Projekte in Clubs, Handwerk und Schrauberinitiativen fördern zu können. Und im Juli 2026 sagte sein Präsident Ekkehard Pott im Interview 3 Sätze, die man nicht oft aus einem Vorstand hört: „Die Szene altert.“ Clubs mit Marken- oder Regionalbezug „werden sich hinsichtlich Struktur, Aktivitäten und Kommunikation auf jüngere Menschen einstellen müssen, wenn sie langfristig erfolgreich aktiv bleiben wollen.“ Und: „Der größte Feind der historischen Mobilität ist das Festhalten am Bekannten.“

Die Zahlen dahinter kommen aus 2 Befragungen. Die Classic-Studie 2025, für die über 2.000 Halter befragt wurden, setzt das Durchschnittsalter der Halter von Old- und Youngtimern auf über 60 Jahre. Die FIVA-Umfrage 2020/21 mit fast 50.000 Antworten aus Europa zählt den Halter im Schnitt bei 59 Jahren, zu 97 Prozent männlich, nur 22 Prozent sind 50 oder jünger; das Clubmitglied ist im Schnitt 55, und nur 21 Prozent der Clubs haben besondere Angebote für Jüngere. 43 Prozent der Clubs sagen, ihre Mitglieder werden älter.

  1. 1976Der DEUVET entsteht auf der Veterama in Mannheim als Arbeitsgemeinschaft der Veteranen- und Markenclubs.
  2. 2009In Berlin gründen Autoverrückte das Textillabel Sourkrauts, „Made for Petrolheads“. Ein Jahr später eröffnet der YouTube-Kanal.
  3. 2013Das erste Innere Blumenpflücken, der „Automotive Tanztee der Tuningszene“, in einer Gasmaschinenzentrale in Thüringen.
  4. 2019Der DEUVET benennt sich um in Bundesverband Oldtimer-Youngtimer, um neue Interessenten zu gewinnen.
  5. 2020Die FIVA befragt fast 50.000 Halter und 1.735 Clubs in Europa: Halter 59, Clubmitglied 55, 21 Prozent der Clubs mit Angeboten für Jüngere.
  6. 2025Die Classic-Studie zählt die Halter im Schnitt über 60 und schreibt: „Dadurch wird die Szene jünger und digitaler.“ 92 Prozent informieren sich zuerst im Netz.
  7. 2026Der DEUVET gründet „JUNGE Talente für ALTE Fahrzeuge“. Sein Präsident sagt im Juli: „Die Szene altert.“

Der Nachwuchs ist da, er heißt nur anders

Der Bestand widerspricht der Sorge. 923.538 Fahrzeuge mit Oldtimerstatus standen am 1. Januar 2026 in Deutschland, 4 Prozent mehr als im Jahr davor. Dahinter 11,8 Millionen Autos zwischen 15 und 29 Jahren, 10 Prozent mehr als im Vorjahr, 4,2 Millionen davon zwischen 20 und 29. Der Anteil der Youngtimer am Markt stieg von 30 Prozent im Jahr 2019 auf 37 Prozent im Jahr 2024. Und das Interesse ist bei den Jungen am größten: 23 Prozent der Autofahrer unter 30 können sich einen eigenen Oldtimer vorstellen, bei den über 60-Jährigen sind es 12. Die Studie, die das 2020 erhob, fügte einen Satz hinzu, der die Lage erklärt: Der Einstieg erfolge meist erst mit zunehmendem Alter, wenn der Autotraum aus jungen Tagen bezahlbar wird.

Dieser Nachwuchs sitzt nicht im Vereinsheim. Er sitzt vor dem Bildschirm oder in einer Halle mit Kamera. Ein Schrauber, dessen Kanalname für Low Budget steht, holt sein erstes Projektauto nach 3,5 Jahren Standzeit zurück und restauriert es selbst, jeden Donnerstag um 17 Uhr ein neues Video. Ein Radiomoderator aus Saarbrücken, Jahrgang 1996, geht zur Bank und kauft sich eine Halle mit Grundstück, „das erwachsenste als auch das unerwachsenste, was ich bisher je gemacht hab“. Ein Museum in Dortmund stellt Kadett, Sierra und Passat aus und lädt jeden Samstag zum Prüfstand. Was diese Formate verbindet: Das Wort Oldtimerpflege kommt nicht vor. Es heißt Projekt, Restauration, Aufbau. Und es kostet Geld, das gezeigt wird: „Anschaffung billig, Unterhalt Wucher“, „60.000 Euro Umbaukosten“, „Jahrelang gespart und gearbeitet, alles für dieses Auto“.

Der Nachwuchs restauriert einen Käfer mit kleinem Budget statt einen 300 SL mit Gutachten. Und er nennt es nicht Oldtimerpflege, sondern Projekt.

Der Satz, der den Unterschied macht

„Gordon fährt keinen perfekten Showcar-Audi. Und genau das macht ihn so besonders.“ Auf einem Concours zählt, was ab Werk war: der richtige Lack, die richtige Schraube, das Gutachten mit Zustandsnote. In diesem Satz zählt das Gegenteil: 3 Vorbesitzer, Försterkarosse, Spuren aus einem Leben, eine Kamei-Lippe und Federn aus den 90ern, „komplett selbst aufgebaut“. Beides ist Liebe zum alten Auto. Aber es sind 2 verschiedene Definitionen von Wert.

Der Mann, der die Halle in Dortmund betreibt, hat es 2023 so gesagt: „Ich weiß, dass viele der Oldtimer-Traditionalisten mit dem Kopf schütteln, was und wie wir es machen.“ Und: „Young- und Oldtimer sehen wir nicht als Wertanlage mit erwarteter hoher Rendite, die sorgsam aufbewahrt in klimatisierten Autoboxen stehen. Wer das möchte, soll das gerne so machen. Unsere Autos sollen wieder auf der Straße gesehen werden.“ Der zweite Satz ist wichtiger als der erste. Er lacht niemanden aus. Er zieht nur eine Grenze, die nicht am Alter der Autos verläuft, sondern an der Frage, wofür man sie hat.

Showcar

Was zählt
Originalzustand, Zustandsnote, die richtige Schraube
Das Auto
Ein 300 SL mit Gutachten
Der Beleg
Das Gutachten im Ordner
Der Ort
Concours, Vereinsheim, klimatisierte Box
Das Wort dafür
Oldtimerpflege
Wer zuschaut
Die Jury und der Club
Was beide teilen
Die Liebe zum alten Auto

Projekt

Was zählt
Geschichte, Gebrauchsspuren, die eigene Hand
Das Auto
Ein Käfer mit kleinem Budget
Der Beleg
Das Video vom Aufbau
Der Ort
Halle, Rennbahn, Straße
Das Wort dafür
Projekt
Wer zuschaut
24.000 Menschen in 6 Wochen
Was beide teilen
Die Liebe zum alten Auto

Was sich am Begriff Klassiker verschoben hat

Nicht mehr Originalität um jeden Preis, sondern Fahrzeuge mit Gebrauchsspuren und Geschichte. Das Treffen des Labels aus Brandenburg lädt „von original bis radikal“ ein, Mindestalter 20 Jahre. Das Museum in Dortmund zeigt Alltagsautos der 70er bis 90er, „nicht perfekt und makellos, aber mit ganz vielen Geschichten unter dem Blech“. Auf der Bremen Classic Motorshow gestalten seit 2024 junge Besitzer eine eigene Fläche, 2026 mit Live-Schrauben an einem Citroën Visa von 1984, davor an einem Golf 2 und einem W124; ein 16-Jähriger sagte dort, er trage 2 Zeitungsrunden aus, um als erstes Auto einen Oldtimer zu haben.

Und die Verschiebung ist nicht, was die Alten befürchten. Die Hiscox-Umfrage unter 2.000 Haltern von 2024 fand, dass die 18- bis 29-Jährigen Umrüstungen an ihren Autos am entschiedensten ablehnen, 92 Prozent gegen 75 Prozent aller Halter, und dass sie häufiger als jede andere Gruppe ein Vorkriegsauto besitzen. Hiscox nannte sie „eine neue Generation von Traditionalisten“. Patina ja, Geschichte ja, aber der Motor bleibt der Motor. Wer die Jungen für Verächter der Originalität hält, hat sie nicht gefragt.

Die Clubs haben, was dieser Szene fehlt: Fahrzeugregister, Typreferenten, das Wissen aus 50 Jahren, den Kontakt zum Prüfer. Die Kanäle haben, was den Clubs fehlt: die Reichweite, den Rhythmus, die Sprache. Folge 2 geht in die Hallen, in denen gedreht wird. Folge 3 fragt, wie eine Brücke aussieht. Patinamore hat dabei keinen Club zu verteidigen und keinen Kanal zu bewerben; wir können beide Seiten ernst nehmen.

Die Serie

Mehr zu den Zahlen der Szene: Die junge Szene und Warum den Clubs der Nachwuchs fehlt.

Quellen

  1. car-editors.org: Oldtimer-Szene im Umbruch, Interview mit DEUVET-Präsident Ekkehard Pott, 4. Juli 2026
  2. DEUVET: Verein für die Nachwuchsförderung gegründet, 3. Februar 2026
  3. kfz-betrieb: DEUVET, Verein für Nachwuchsförderung gegründet, 4. Februar 2026
  4. americar.de: Oldtimer-Verband stellt sich neu auf, Bundesverband Oldtimer-Youngtimer, 21. März 2019
  5. FIVA: Socio-Economic Survey 2020/21, Fact File Europe
  6. VDIK: Classic-Studie 2025, 82 Prozent freuen sich über Oldtimer, 27. Juni 2025
  7. OCC: Oldtimerstudie 2025, Youngtimer und die neue Generation, 11. September 2025
  8. Classic Trader: BBE-Oldtimer-Studie 2025, Wirtschaftsfaktor Young- und Oldtimer
  9. VDIK: Classic-Studie 2020 mit IfD-Allensbach-Befragung
  10. Hiscox: Umfrage unter 2.000 Classic-Car-Haltern, 28. März 2024
  11. Sourkrauts Magazin: Gordon und sein Audi 80 B2 aus 1985, 5. August 2026
  12. Sourkrauts Magazin: Kanalbeschreibung
  13. Tank & Rast Magazin: Oldtimer-Museum 2.0, Halle 77 in Dortmund, 27. Februar 2023
  14. Halle 77: Old- und Youngtimermuseum Dortmund
  15. LB Garage: Kanalbeschreibung
  16. FranzImAuto: Kanalbeschreibung
  17. Auto Bild Klassik: Bremen Classic Motorshow, Initiative Klassiker-Nachwuchs, 8. Februar 2026
  18. Kraftfahrt-Bundesamt: Pressemitteilung 09/2026, Fahrzeugbestand am 1. Januar 2026

Was Leser zu „Wer den Klassikern die Nachfolger bringt, 1/3: Nachwuchs im Netz“ fragen

Hat die Oldtimerszene ein Nachwuchsproblem?

Die Clubs haben eines, die Szene nicht. Der DEUVET, seit 1976 der Dachverband der Clubs, hat sich 2019 in Bundesverband Oldtimer-Youngtimer umbenannt, um neue Interessenten zu gewinnen, und im Februar 2026 einen eigenen Verein für die Nachwuchsförderung gegründet. Sein Präsident sagt: „Die Szene altert.“ Gleichzeitig wächst der Bestand: 923.538 Fahrzeuge mit Oldtimerstatus zum 1. Januar 2026, 4 Prozent mehr als im Jahr davor, und 11,8 Millionen Youngtimer dahinter. Jemand kauft diese Autos, und er ist jünger als der Vereinsvorstand.

Wo ist der Nachwuchs der Oldtimerszene?

In Hallen mit Kamera. Ein Textillabel aus Brandenburg zeigt jeden Mittwoch einen Menschen und sein Auto, ein Schrauber, dessen Kanalname für Low Budget steht, restauriert seinen ersten Käfer vor der Kamera, ein Radiomoderator aus Saarbrücken kauft sich mit 28 eine Halle statt einer größeren Wohnung, ein Museum in Dortmund lädt jeden Samstag zum Prüfstand. 92 Prozent der Käufer informieren sich vor dem Kauf eines Klassikers zuerst im Netz, sagt die Classic-Studie 2025. Dort findet die Szene statt, die in keiner Mitgliederliste steht.

Was ist heute ein Klassiker?

Ein Auto mit Geschichte, nicht mehr nur ein Auto im Originalzustand. Der Audi 80 aus dem Beispiel hat 3 Besitzer in 41 Jahren, war eine Försterkarosse und trägt seine Spuren; sein Fahrer hat sich bewusst gegen die Vollrestaurierung entschieden. Ein Museum in Dortmund stellt Alltagsautos der 70er bis 90er aus, „nicht perfekt und makellos, aber mit ganz vielen Geschichten unter dem Blech“. Und die Hiscox-Umfrage von 2024 zeigt, dass gerade die 18- bis 29-Jährigen Umrüstungen am entschiedensten ablehnen: 92 Prozent gegen 75 Prozent aller Halter.

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